Dass Politik sich nicht nach Fakten richtet, weiß man. Dass sie sich ihre Realität zurechtlegt, ist etwas Neues, zumindest in dieser Form. Deutschlands Ministerpräsidenten haben beschlossen, dass Weihnachten ja Weihnachten ist, und dass deshalb Familienfeiern bis zu 10 Personen erlaubt sind, plus Kinder unter 14 Jahren.
Es ist bekannt, dass die meisten Corona-Übertragungen zu Hause geschehen. Beim Kind, beim Partner, in der WG. Nicht: in den Öffis, auf der Arbeit, im Restaurant. Es ist außerdem bekannt, dass Feste im Allgemeinen und Familienfeste im Besonderen die Verbreitung des Coronavirus stark beschleunigen. Es ist das Allerletzte, was man erlauben sollte, wenn man daran interessiert ist, dass im Januar nicht die Schulen schließen, dass Menschen, die jetzt zu Hause sitzen, bald wieder ihrer Arbeit nachgehen können, dass Pflegekräfte und Ärzte wieder ein normales Leben führen können, dass nicht noch mehr wirtschaftliche Existenzen zerstört werden. Der Bund hat bereits angekündigt, dass die Finanzhilfen im neuen Jahr nicht in dieser Form fortgesetzt werden können. Kein Wunder bei den astronomischen Summen, die bereits verpulvert wurden. Irgendwann muss man die Rechnung begleichen, und die wird teuer genug.
Die Wissenschaftler halten die Lockerungen zu Weihnachten für Unsinn. Aber die Herren und Damen Ministerpräsidenten, vor allem die Herren, interessiert das in ihrer Bräsigkeit nicht; das Volk will ja seinen gewohnten Riten nachgehen.
Hier in Turin ist hingegen Sperrstunde. Wer zwischen 22 und 5 Uhr auf der Straße ist, oder zu normalen Zeiten seinen Wohnort verlässt, ohne einen triftigen Grund zu haben (aus dem Haus darf man natürlich), bezahlt ein mittleres dreistelliges Bußgeld. Natürlich ist das nervig. Kein Wandern in den Bergen, kein Rudern im Club, keine Konzerte, kein Essen gehen, usw. Nicht alles ist verständlich; beim Wandern steckt man eher niemanden an. Übertragungen aus Kulturspielstätten sind auch nicht bekannt. Aber das Kind ist halt vorher in den Brunnen gefallen und jetzt ist es schwierig die Zahlen ausschließlich mit gezielten Maßnahmen schnell zu senken.
Ich finde es wichtig, dass Maßnahmen verhältnismäßig sind. Bei unklarer Wirksamkeit eines Verbots würde ich eine Aktivität eher erlauben als verbieten, und ich habe mich daran gestört, dass das nicht immer getan wurde. Ich werde mich auch mit Freunden treffen, wenn ich demnächst in Köln bin, aber halt nicht mit allen und gerne auch mal draußen. Aber die Idee über Weihnachten und Silvester Familienfeiern zu erlauben ist aus epidemiologischer Sicht ungefähr so sinnvoll wie Après-Ski in Ischgl. Dass dies von nahezu allen Verantwortlichen auf Länderebene nicht nur ignoriert, sondern konsequent geleugnet wird, halte ich für ein deutliches Zeichen eines kulturellen Verfalls. Das besonders stark betroffene Sachsen schränkt nun zum Beispiel den Bewegungsradius seiner Bürger ein („Das Verlassen der häuslichen Unterkunft ohne triftigen Grund ist untersagt” [ab Inzidenzwert 200]), will aber zu Weihnachten die Hotels öffnen, um Familienbesuche zu ermöglichen. Ein Minister des Landes NRW verkündet, dass man nicht möchte, dass „nur Besitzer von Einfamilienhäusern Gäste empfangen können”. Natürlich, mitten in einer Pandemie hat man keine anderen Probleme. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.
Man ist zu feige, um den Bürgern die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Wie es Giuseppe Conte in Italien übrigens getan hat. Weihnachten sollte mit Verwandten ersten Grades stattfinden, Punkt. Alles andere führt aller Wahrscheinlichkeit nach zu großen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden im Land.
Letztlich bilden die Politiker damit eine Gesellschaft ab, die sich nach
allem, was ich aus Deutschland mitbekomme, wesentlich weniger
diszipliniert und verantwortungsbewusst verhält als die Italiener. Da
wundert es auch nicht, dass die Fallzahlen hoch bleiben. Selbst die Italiener, denen die Familie deutlich wichtiger ist als uns, akzeptieren die Einschränkungen zu Weihnachten ohne Umstände. Man möchte ja die Kinder im Januar wieder in die Schule schicken. Ich feiere Weihnachten übrigens jedes Jahr auf diese Art und es ist sehr entspannend. Die Wörter Verzicht und Gemeinsinn scheinen für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Deutschen, inklusive ihrer politischen Führer, Fremdwörter zu sein. Wie dieses Volk die tatsächlich harten Weihnachten der Jahre 1945–47 überlebt hat---der eine oder andere wird die Erzählungen der Großeltern kennen---, ist mir ein Rätsel.
Monday, November 30, 2020
Après-Ski unterm Weihnachtsbaum
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