Monday, July 23, 2018

Das Ende der Toleranz

Mesut Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft ist Zeichen einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der Toleranz und Respekt vor dem Anderen auf dem Rückzug sind.



2006, vor genau 12 Jahren, hat sich Deutschland anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft als tolerantes und weltoffenes Land präsentiert. Auf den Fanmeilen und in den Innenstädten zeigte sich ein Patriotismus, in dem Bekenntnis zur Heimat und auch ein wenig Stolz mitschwang, der aber wenig mit dem ausgrenzenden, aggressiven Nationalismus vergangener Zeiten zu tun hatte.

In den Folgejahren schien sich diese Öffnung auf die deutsche Gesellschaft als Ganzes auszudehnen. Einmal mehr war der Fußball Bannerträger: so wie Angehörige von Minderheiten begannen Führungspositionen in der Gesellschaft einnzunehmen, so wie die Deutschen lernten, sich auch und vor allem als Europäer zu sehen, so spielten in der Nationalmannschaft neben Lahm, Ballack und Neuer auf einmal Spieler mit den Namen Boateng, Khedira und Özil.

Einem dieser Spieler---Mesut Özil---wird nun von einer Mehrheit der Deutschen sowie von einem Gutteil der Fußball-Experten, Funktionäre und politischen Kommentatoren vorgeworfen, die Sache des eigenen Landes verraten zu haben und Werte zu befördern, die mit denen der Bundesrepublik nicht verträglich sind. Anlass der Debatte: Fotos, auf denen Özil mit dem im Wahlkampf befindlichen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan posiert.





Man muss diese Fotos nicht gut finden; im Gegenteil, ich halte sie für einen Fehler. Es ist aber auch klar, dass Özil sich nicht zu Werten bekannt hat, die den unseren diametral gegenüberstünden. Er kennt Erdogan seit langem und hat den Auftritt als Tribut an die türkische Herkunft seiner Familie bezeichnet. Diese Haltung ist sicher diskutabel, aber kein schwerwiegendes Fehlverhalten, das für eine Nationalmannschaftsnominierung ins Gewicht fallen kann.

Vor allem aber: auch wenn Özil naiv erscheint, wenn er das Treffen als unpolitisch einschätzt, so sollte man ihm das Recht auf eine eigene Meinung zukennen, und die Entscheidung sich mit Erdogan zu treffen akzeptieren. Eine offene Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie Widerspruch und Dissens aushalten kann. Selbst wenn Özil öffentlich Erdogans Politik gelobt hätte (was er niemals getan hat), so wäre diese Meinung zu respektieren---genauso wie ich keine Freundschaften aufkündige, weil besagte Freunde die AfD gewählt haben. Ich halte die Politiker der AfD für gefährliche Feinde unseres Gesellschaftsmodells; ihre Wähler sind es in der Mehrzahl nicht. Es gibt sicher auch Fußballprofis, die der AfD ihre Stimme geben; wenn einer dies zugäbe, wäre dies dennoch kein Grund ihn aus der Nationalmannschaft auszuschließen. Wir müssen als Mannschaft und als Gesellschaft in der Lage sein zusammenzuarbeiten, auch wenn wir uns in manchen Wertungen und Einschätzungen nicht einig sind. Diese Tugend der Toleranz ist aber gesellschaftsweit auf dem Rückzug.

In diesem Licht ist es erstaunlich, dass im modernen Fußball gerne mehr “Typen” gefordert werden. Spieler, die nicht nur das sagen, was ihnen der Manager vorgibt. Spieler, die zu einer kontroversen Aussage stehen und nicht beim ersten Gegenwind umkippen. Diese Forderung verkehrt sich jedoch in ihr Gegenteil, sobald das, was gesagt wird (Özils Rechtfertigung seines Verhaltens und seine Weigerung einen Fehler zu erkennen), nicht mit Volkes Erwartungshaltung (ein Gang nach Canossa) übereinkommt. Dann fallen Worte wie “uneinsichtig”, “starrköpfig”, “verblendet”. In Qualitätsmedien. Oder man spricht Özil direkt die Entscheidungsfähigkeit ab und stempelt ihn zu einer Marionette seiner Berater.

Deutschland hebt sich von der Türkei unter Erdogan dadurch ab, dass es zentrale bürgerliche Freiheiten---Meinungs-, Presse-, Versammlungsfreiheit, usw.---respektiert. Viele Deutsche sind aber unfähig unbequemen Mitbürgern jene Freiheit zuzugestehen. Dies Phänomen ist auch in anderen Bereichen offenbar. Man denke an Abtreibungsgegner, radikale Tierschützer oder Menschen, die Schiffe chartern um Migranten in Seenot zu retten (und damit nicht nur Leben retten, sondern auch Schleusern helfen). Allen Gruppen stehe ich kritisch gegenüber. Ihre Haltungen sind aber Ausdruck einer Gewissensprüfung sind und leiten sich aus tiefliegenden moralischen Beweggründen ab. (Dies gilt auch für viele Trägerinnen des Kopftuchs.) Sie beziehen ihre Positionen in der Regel nicht, weil sie es tun wollen, sondern weil sie es aus einem inneren Antrieb tun müssen. Eine Mehrheit der Deutschen weigert sich allerdings die entsprechende ethische Debatte anzugehen und qualifiziert Vertreter dieser Haltungen als “Gegner der Emanzipation”, “Spinner” oder “weltfremde Idealisten”, und “Helfer von Kriminellen”. Ausdrücke, die der Komplexität des moralischen Dilemmas nicht gerecht werden und vor allem eins ausdrücken: radikale Ablehnung des Anderen, dessen Sichtweisen uns herausfordern. So steht es also um die Toleranz im Herzen Europas.

Auch in anderer Hinsicht machen wir uns etwas vor. Mesut Özil galt bis zu diesem Sommer als ein Musterbeispiel gelungener Integration; er wurde mit Preisen überhäuft und engagiert sich in mehreren sozialen Projekten (wie die meisten Spitzenfußballer es tun). Anscheinend genügt ein umstrittenes Fotoshooting, um all dies ungeschehen zu machen, um ihn auf die Rolle des Deutschtürken zu reduzieren, dessen Loyalität in Zweifel steht und der nur Deutscher auf Bewährung ist. Loyalität und Identifikation kann man aber nur dann einfordern, wenn man einen Menschen nicht als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt. Wenn man ihm jene unbedingte und unveräußerliche Zugehörigkeit zugesteht, auf deren Basis allein man Kritik üben kann. Gerade dies geschieht aber nur selten. Stattdessen sucht man nach Gründen, um diese Zugehörigkeit als verwirkt zu erklären und einen Verrat am eigenen Land zu konstruieren. Fotos mit Erdogan, das Nicht-Mitsingen der Nationalhymne (das bei Oliver Kahn und vielen anderen niemand gestört hat), oder einen verlorenen Zweikampf nach einem 50-Meter-Defensivsprint.

Ich will keine neue Rassismus-Debatte eröffnen---das Wort ist zu belastet. Wer aber denkt, dass die Debatte um Özils Verhalten farbenblind sei, bedenke Folgendes: Das Treffen des DFB-Ehrenspielführers Lothar Matthäus mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin war den Medien nur eine Randnotiz wert. Hochrangige CSU-Politiker und -Staatsminister können einen Viktor Orban, der das eigene Land zum autoritären Staat umbaut und vor der Verschwörung des jüdischen Kapitals warnt, als “Freund” hofieren und seinen politischen Kurs öffentlich loben. Diese Haltungen werden vielleicht kontrovers diskutiert, sie sind dem Wesen nach aber akzeptiert. Mesut Özil wird jedoch aus einer diskutablen Handlung---die letztlich seine Privatsache ist---und seiner Weigerung, hierfür Abbitte zu tun, ein Strick gedreht. Was man einem, sagen wir mal, Thomas Müller wohl kaum angetan hätte, wenn er neben Putin auf einem Foto gelächelt hätte. Dass Özil nach Monaten medialen Dauerbeschusses und halbgarer Solidaritätsadressen seiner Mitspieler und Chefs den Rücktritt wählt, dass sich in seiner (sehr aufschlussreichen) Erklärung Trotz in der Sache mit Verzweiflung über mangelnde Akzeptanz und Respekt mischt, kann niemand ernsthaft überraschen. Özil steht symptomatisch für viele Menschen in unserer Gesellschaft, die aufgrund ihrer Hautfarbe, kulturellen Gebräuche, religiöse oder politische Ansichten, oder schlichtweg ihrer Persönlichkeit nicht jene Akzeptanz erfahren, die den meisten selbstverständlich zuteil wird.

Ein Dutzend Jahre nach 2006 überwiegt bei vielen Deutschen anscheinend der Wunsch die Öffnung des Landes zurückzunehmen und Anerkennung allochthoner Mitbürger auf diejenigen zu beschränken, die im Gleichschritt mit Volkes Stimme marschieren. Eine demokratische und offene Gesellschaft bedeutet aber nicht Diktatur der Mehrheitsmeinung. Sie bedeutet Widerspruch und Dissens, ehrliche Debatte, sowie Toleranz für die Anderen. Wenn wir diese Toleranz aufgeben, verlieren wir mehr als einen großartigen Fußballspieler: wir verlieren jene Tugend, die unsere offene Gesellschaft vor denjenigen auszeichnet, über die wir uns gerne erheben. Wer sie bewahren will, sollte schnell gegensteuern.