Über Silvester war ich in Basel. Dem beschaulichen Basel in der beschaulichen Schweiz. Als ich am Abend des 5. Januar wieder in Köln eintraf, auf der Durchreise in die Niederlande, wurde ich gefragt: “Hast Du von den Vorfällen am Silvesterabend gehört?” Nein, ich wusste nichts. Ich hatte ein paar Tage Schach gespielt und die Welt jenseits der 64 Felder erfolgreich ausgeblendet. Dann hörte ich die Geschichte. Massenhaft sexuelle Übergriffe, Diebstähle, Belästigungen. Ein paar Mal Körperverletzung.
Ich konnte mir das nicht gut
vorstellen, da ich in den Vorjahren Silvester in Köln gefeiert hatte
und auch häufiger am Bahnhof vorbeigekommen war. Mir war nie etwas
Bemerkenswertes aufgefallen. Daher studierte ich die Zeitungsberichte
mit Interesse---ebenso wie die Entwicklungen in den sozialen Medien,
wo eine ganze Reihe Leute, die sich ansonsten nicht unbedingt
feministisch äußern, auf einmal ihr Herz für Opfer sexueller
Gewalt entdeckten.
Nachdem die Neuigkeiten zu den
Vorfällen selbst abebbten, setzten die Interpretationen ein. Ich
hatte einiges erwartet, aber wie so oft übertraf die Realität meine
Vorstellungen. Ich will mich auf ein paar Aspekte konzentrieren:
1. Einseitige Berichterstattung
Es mag in der Natur der Medien sein,
dass sie im Banne eines spektakulären Ereignisses einseitig
berichten. Aber hast Du, lieber Leser, in irgendeiner größeren
Tageszeitung gelesen, wieviel Anschläge es 2015 auf
Flüchtlingsunterkünfte gab? Nein? Dann schätze mal. Viel Erfolg.
Die Antwort findest Du hier.
Übrigens gab es in Chemnitz in derSilvesternacht einen heftigen Angriff auf eine tunesische Familie.
Die Polizei veröffentlichte ihren Bericht am... 6. Januar. Aber wie
wir aus dem Fall Köln wissen, ist jegliche Verzögerung in der
polizelichen Öffentlichkeitsarbeit der linken Gesinnung der
Chefetage geschuldet (siehe Punkt 4 weiter unten) und nicht einer
möglicherweise unklaren Faktenlage.
Kehren wir zum Thema zurück.
Natürlich, die Ereignisse von Köln sind schlimm und sollten nicht
mit Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte verrechnet werden. Aber man
wünscht sich doch eine Berichterstattung, die beide Seiten der
Medaille anspricht und nicht die Flüchtlinge einseitig
problematisiert.
2. Das Polizei-Bashing.
Wenn man einen Sündenbock braucht, ist
es am einfachsten auf denjenigen einzutreten, der sich nicht oder
kaum wehren kann. Politik und Medien haben sich schnell auf die
Polizei eingeschossen. Sicher, die Polizei war am 31. Dezember
überfordert---aber sie musste mit einer noch nie dagewesenen
Situation umgehen und war darauf nicht vorbereitet. Das führt selten
zu optimalen Ergebnissen. Nun werden aber die Polizisten, die am
Bahnhof den Kopf hingehalten haben, als Versager beschimpft und wird
der leitenden Ebene Vertuschung und Beschönigung vorgeworfen, obwohl
zum fraglichen Zeitpunkt noch niemand ein klares Bild der Ereignisse
hatte. Damit trägt man selbst zum Verfall jener staatlichen
Institutionen bei, bei denen man lautstark klagt, dass andere ihnen
nicht genug Respekt entgegenbringen.
3. Die linke Verschwörung.
Auffällig ist weiterhin die
verbreitete Auffassung, die “politisch korrekten” Medien würden
manche Themen nicht diskutieren (siehe dazu meine obige Anmerkung).
Derartige Anschuldigungen werden allerdings niemals mit Zahlen und
Statistiken untermauert. Selbst die Polizei wird manchmal als Teil
des Komplotts gesehen, wenn sie bei unklarer Faktenlage Daten erst
einmal zurückhält. So behauptet dieser Artikel aus der FAZ, dass in einer der großen Debatten der letzten Jahre, der
Euro-Krise und der Hilfspakete für Griechenland, Kritik an der
Regierungspolitik nicht erlaubt war und als populistisch oder
nationalistisch diffamiert wurde. Es wird Paul Krugman oder Joseph
Stiglitz---zwei Nobelpreisgewinner für Ökonomie und prominente
Kritiker der Brüsseler/Berliner Linie---freuen, dies zu hören. Der
Autor schreibt weiter:
“Aber die Wut der Bürger wuchs, und
so ist mittlerweile erlaubt, jedenfalls zu fragen, ob das gerecht
sei: andere Staaten herauspauken, zugleich im eigenen Land sparen.”
Das ist Tatsachenverfälschung der
übelsten Sorte. Die Politik der Bundesregierung in Bezug auf
Griechenland kam vom ersten Tag an unter Beschuss: Kommentatoren
sowohl im linken/linksliberalen als auch im konservativem Spektrum
forderten einen Schuldenerlass bzw. einen Euro-Austritt, da
Griechenland anders nicht auf die Beine käme. Selbst in den
“politisch korrekten Mainstream-Medien” äußerte sich der Brüsseler Tagesschau-Korrespondent Rolf-Dieter Krause mehrfach
kritisch zur Linie der Kanzlerin. Vom Boulevard ganz zu schweigen.
Vom ersten Tag an wurde die Frage gestellt, inwieweit mit der
Rettungspolitik Griechenland bzw. dem deutschen Steuerzahler gedient
sei. Dass die Wut der Bürger gewachsen sei und sich daher der
Diskurs verändert hätte---davon habe ich jedenfalls nichts
mitbekommmen. Ist ja auch schwierig bei 15 Milliarden Euro
Haushaltsüberschuss.
Im selben Artikel spricht der Autor von einer "verminten Gender-Debatte". Als ob sich Ursula von der Leyen und Kristina Schröder im Kabinett Merkel II nicht über die Frauenquote gestritten hätten. Als ob nicht gerade diese Debatte so offen und erbittert geführt wird wie kaum eine andere. Wer das nicht glaubt, kann gerne mal die Wikipedia-Seite von feminist sex wars (nomen est omen) oder third wave feminism besuchen.
Aber es lebt sich so bequem mit einem
Feindbild---den linken Eliten, die die braven Bürger mit Denk- und
Sprachverboten gängeln. Damit befindet man sich in guter
Gesellschaft, denn die Kaczynskis, Orbans und Erdogans dieser Welt denken
nichts anders.
Aber vielleicht ist ja doch etwas dran?
Ich habe mir daraufhin einmal das linkeste aller linken und linksliberalen Blätter, die taz, gegriffen.
Ein prominenter Soziologe schreibt zu den Reaktionen auf die Kölner
Vorfälle---und tut dies meiner Meinung nach in einer gelassenen,
sachlichen und differenzierten Weise. Wenn das nun die linke
Multikultipropaganda sein soll, dann möchte ich gar nicht wissen,
wie ihr rechtes Pendant aussieht.
4. Bewusste Stimmungsmache
Kommen wir nun zu einem Artikel aus der
FAZ, eine Zeitung aus dem konservativem Spektrum, die für sich in
Anspruch nimmt, die beste Zeitung Deutschlands zu sein. Der Artikel ist an und für sich nicht uninteressant: er beschreibt die Machokultur nordafrikanischer Länder und die Probleme, die diese fürmodern denkende Frauen dort mit sich bringt. Man wundert sich
allerdings, dass der Artikel “Sie hassen uns” (ohne
Anführungszeichen!) übertitelt ist. Zum Thema scheint das nicht
ganz zu passen. Es stellt sich im Verlauf der Lektüre heraus, dass
dies ein Zitat einer ägyptischen Feministin ist und sich
Anfeindungen seitens konservativer Männer in ihrer Gesellschaft
bezieht. Dass die meisten Leser den Titel nach den Vorfällen von
Köln ganz anders interpretieren dürften, wird billigend in Kauf
genommen, wenn nicht aktiv unterstützt.
Derartige Manipulation ist kein
Einzelfall. Es wird Stimmung geschürt und Angst gemacht. Inhaltlich
werden in solchen Artikeln meistens offene Türen eingerannt:
“Islamkritik ist überfällig” titelt der obige Artikel. Bitte
was? Als ob diese Diskussion in den 15 Jahren seit dem 11. September
2001 tabu gewesen wäre. Ich kenne kein Medium, in dem die Themen
Islam und Terrorismus, Islam und die Rolle der Frau, Islam und
liberale Demokratie nicht bis zum Erbrechen diskutiert worden
wären. Derartige Artikel sind von der tageszeitung bis hin
zur Jungen Freiheit zu Tausenden in der deutschen Presse
erschienen.
Gerade diejenigen, die über die links dominierte Presse klagen, haben sich in den letzten 15 Jahren an prominenter Stelle zur vom Islam, von Einwanderern etc. ausgehenden Gefahr geäußert.
5. Der Verfall der Diskussionskultur.
Kehren wir noch einmal zur
Griechenlandkrise zurück. In den vergangenen fünf Jahren sind
unzählige Artikel erschienen, die beinahe ebenso viele Lösungen für
die Krise postuliert haben. Viele von ihnen waren polemisch, aber sie
hatten einen rationalen Kern. Ihnen lagen unterschiedliche Ideen von
Europa, Souveränität und Verantwortung zugrunde, aber auf dem
Grunde dieser Ideen wurde rational diskutiert. Das ist vorbei. Die
Kombination von inhaltlichen Platitüden und emotional aufgeladener
Sprache in der konservativen Presse, die ich im vorigen Punkt
angesprochen habe, hat keinerlei aufklärerische Funktion. Sie
verstärkt Vorurteile, anstatt sie kritisch zu beleuchten oder
Lösungen für Probleme aufzuzeigen. Dass FAZ, Welt, Focus & Co.
mit ihrer Untergang-des-Abendlands-Rhetorik Angstgefühle schüren
und der AfD Wähler zutreiben, scheint die verantwortlichen Redaktion
nicht zu stören. Notabene, hier geht es nicht darum, welche Fakten
man berichtet, sondern darum, wie man sie einordnet und auf
sprachlicher Ebene präsentiert. Das gilt auch für individuelle Erfahrungsberichte (hier: einer Mitarbeiterin in einer Aufnahmestelle), die ungeachtet Wahrheitsgehalt oder Potential für Verallgemeinerung mit "Extrem fordernd, unzuverlässig und anzüglich" (am besten alle drei zusammen) überschrieben werden.
Zudem scheint es Journalisten
vielerorts weniger um eine objektive Berichterstattung zu gehen,
sondern um eine Abrechnung mit den verhassten Eliten. Den
Universitätsprofessoren insbesondere. Schließlich sind jene anders
als die meisten Journalisten fest angestellt, verdienen mehr Geld und
zeigen gerne jene intellektuelle Herablassung gegenüber den
Niederungen der Debatte, die ihnen das Wort “Wissenschaft”
zugesteht. Stattdessen wird Feld-Wald-und-Wiesen-Intellektuellen, die im akademischen Betrieb gestrandet sind und nun von "übermütigen Zeiten" (gemeint ist 1933-45) und einer "tausendjährigen Zukunft" fabulieren, eine Aufmerksamkeit zuteil, von der die meisten deutschen Ordinarii nur träumen können.
Der bereits erwähnte FAZ-Artikel, der Islamkritik für überfällig hält, schreibt weiterhin, im
Zusammenhang mit einer angeblichen linken Diskurshoheit, vom “Erwecken
von Schuldgefühlen bei den progressiven Eliten und deren
Denunzierung als [...] Islamophobe, insbesondere durch die
Islamverbände, Linke und Grüne.” Diese journalistische
Glanzleistung, wodurch Linke und Grüne zu Erfüllungsgehilfen der
muslimischen Unterwanderung stilisiert werden, muss man sich auf der
Zunge zergehen lassen. Sie ist leider kein Einzelfall. Natürlich
kann man bei Populisten aller Seiten, bei einer Claudia Roth genauso
wie bei einem Markus Söder, immer etwas finden, das sich für die
eigenen Zwecke instrumentalisieren lässt. Seriöser Journalismus
sieht aber anders aus.
6. Salonfähiger Rassismus
Gestern las ich in der Zeitung, dass die Stadt Bornheim allen männlichen Flüchtlingen den Besuch desSchwimmbads untersagt hatte, nachdem sich andere Badegäste beschwerthatten. Okay, ein unveräußerliches Grundrecht auf den
Schwimmbadbesuch ist weit hergeholt. Aber Menschen werden einzig und
allein aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit von einem Teil des
öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Das letzte Mal ist das in
Deutschland im Jahre 1935 passiert. Warum greift man stattdessen
nicht im konkreten Fall durch und erteilt Störern umstandslos
Hausverbot? Der Bürgermeister sagt, er wolle ein Zeichen setzen um
die aufgeheizte Stimmung unter den Bürgern zu beruhigen. Ich kann es
mir vorstellen, auf dem Dorf geht das schnell. Dass man für derart
kurzfristige Ziele bereit ist, Prinzipien des Rechtsstaats über Bord
zu werfen, hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen. Der
Rassismus ist nicht nur in der Mitte der Gesellschaft angekommen
(dort ist er nie verschwunden), sondern er wird jetzt auch öffentlich
verteidigt.
Ich weiß nicht, inwieweit Deutschland und die Niederlande vergleichbar sind, aber sie haben eine ähnliche Kultur. Diese Woche las ich einen Artikel, der auf mehrere Studien hinweist, nach denen Ethnizität keine Ursache von Kriminalität ist. Wenn man dieselben Wohnviertel und wirtschaftlichen Verhältnisse nimmt, sind Menschen mit Migrationshintergrund ("allochthonen") ebenso kriminell oder nicht kriminell wie diejenigen ohne Migrationshintergrund ("autochthonen"). Noch interessanter aber ist, dass der Artikel darauf hinweist, dass diese Studien trotz Pressebericht der Polizei, trotz europäischer Finanzierung, etc. in der Presse und der Politik kaum aufgegriffen wurden. Der Rassismus ist nicht nur akzeptabel, sondern es gibt anscheinend auch ein Interesse ihn zu pflegen. Eine Selbstzensur, von denen linke Medien nur träumen können.
7. Der Mangel an Perspektive.
Wenn man in den Medien liest, erscheint
es, als seien die Kölner Vorfälle das Ende der Bundesrepublik, wie
wir sie kennen. Beinahe niemand sieht die Dinge in Perspektive.
Andere Länder wie die Türkei, Jordanien oder der Libanon haben bei
deutlich kleinerer Bevölkerung mit einem Vielfachen der Flüchtlinge
zu kämpfen, denen wir ausgesetzt sind. Diese Gesellschaften sind
zudem politisch fragil. So schrecklich die Angriffe der
Silvesternacht auch waren, sie sind im Maßstab zu den Belastungen
für Nachbarländer Syriens eine Kleinigkeit. Das Gleiche gilt für
Belästigungen im Schwimmbad. Noch einmal, wir haben es mit einer
Million Flüchtlinge zu tun. Hat irgendjemand erwartet, dass sich
so eine große Zahl ausnahmslos an Regeln und Gesetze hält? Hat irgendjemand erwartet, dass es keine Probleme geben wird? (Nebenbemerkung: die Täter von Köln haben mit den Bürgerkriegsländern, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen, wenig zu tun.)
Das soll nun nicht einer
laissez-faire-Mentalität das Wort reden---wir sind es den Opfern
schuldig, dass sich die jüngsten Vorfälle nicht wiederholen---,
aber es kann helfen den schrillen Ton zu dämpfen. Wir brauchen eine
sachliche Debatte über effektive Prävention und ebenso über die
Integration von Flüchtlingen. Gerne auch darüber, wieviel und
welche Flüchtlinge Deutschland verkraften kann. Aber keine
Pegida-Demonstrationen und keine Verschwörungstheorien frustrierter
Journalisten. Man neigt in Deutschland dazu, sich selbst und seine vergleichsweise kleinen Probleme als Nabel der Welt zu sehen. Das war schon in der Griechenlandkrise so. Eine gesunde Einstellung ist das nicht.
8. Etwas Persönliches.
Zum Abschluss noch ein paar persönliche
Worte. Man muss die Flüchtlingspolitik der Regierung nicht gut
finden. Sie ist in vielerlei Hinsicht Stückwerk,
sie hat innerhalb Europas zu erheblichen Verstimmungen geführt, und
so weiter. Man kann sich auch fragen, inwieweit die deutsche Innenpolitik in Bezug auf Fragen der Integration, Aufnahme und Abschiebepolitik einer Revision bedarf. Aber man sollte das alles nicht an Menschen in Not auslassen, die mehrheitlich alles, das sie haben, zurückgelassen haben.
Diese Woche war meine Therme kaputt.
Ich saß ohne warmes Wasser und Heizung in meiner Wohnung. An und für
sich kein Problem---zwei Nächte hielt ich durch, dann zog ich für
ein paar Tage zu Freunden. Es ist einfach toll, wenn einem in
der Kälte Asyl angeboten wird. Selbst wenn es nur um 12 Grad im
Schlafzimmer und nicht um Minustemperaturen im Freien geht. Es ist ein Akt der
Milde, der Menschlichkeit. Weihnachten---ebenfalls eine Geschichte
von Menschen, die mit wenig Hab und Gut auf großer Reise sind---ist
noch nicht so lange her. Es wäre schön, wenn sich gerade diejenigen
Schichten, die ihre Kinder zur Erstkommunion schicken, “weil das ja
dazugehört”, daran erinnern würden.

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